Engagiert am Ort
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Ein Beitrag im Rahmen des Projekts "Engagiert am Ort"

Das tut richtig gut

Ehrenamtliche Familienpaten entlasten Aachener Eltern in ihrem Alltagsstress

Der Familienalltag hält die meisten Eltern ganz schön auf Trab. Viele erleben ihre Elternschaft sogar als Dauerlauf, bei dem einiges auf der Strecke bleibt. Das fängt bei der eigenen Lebensqualität an, betrifft aber auch die Partnerschaft und das Familienleben. In dieser Situation werden in Aachen ehrenamtliche Familienpaten aktiv.

Manchmal sind es winzige Zufälle, die das Leben verändern. Bei Dagmar Ohlhoff war es eine Zeitung aus dem Altpapier. Sie wollte sie gerade für die Pflege einer Pflanze gebrauchen, als ihr Blick auf einen Artikel fiel. Dort wurde das Projekt Familienpatenschaften vorgestellt: Ehrenamtliche gehen in Familien, um sie in ihrem Alltagsstress zu entlasten.

„Da wusste ich: das ist es“, erinnert sich die 40jährige Mutter zweier Kinder. Dieser Artikel durchschlug einen Knoten in ihrem Kopf. Damals, im April 2006, war sie hochschwanger mit ihrem zweiten Kind, ihr Mann und sie rackerten beide für den Lebensunterhalt. „Ich wollte das Kind, hatte aber keine Ahnung, wie ich das alles hinkriegen soll. Ich fühlte mich allein auf weiter Flur.“

Vieles änderte sich, seit sie Kontakt mit Eva-Maria Wagner aufnahm, der Projektmitarbeiterin des Katholischen Vereins für Soziale Dienste (SKM). „Ein bisschen war das wie Casting beim Film“, lacht Ohloff. Doch wie schnell dann alles ging, hat die Grafik-Designerin überrascht. „Ich war fast schon beleidigt, als Frau Wagner ohne großes Überlegen erklärte, sie hätte genau die Richtige für mich.“

Welch gutes Händchen aber die Sozialpädagogin des SKM mit ihrem Vorschlag hatte, wurde umgehend klar, als Marliese Müllem in das Leben der Familie Ohlhoff trat. Die heute 75jährige ist seitdem eine große Stütze der jungen Familie, mit vielen kleinen Hilfen, mit Aufmerksamkeiten, mit Tipps und mit ihrer Zeit.

Marliese Müllem hatte sich vom Aufruf des SKM und des zweiten Projektträgers, des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), ansprechen lassen. „Mein Mann ist vor neun Jahren gestorben. Ich habe dann nach langem Überlegen das Haus verkauft – und hatte nichts mehr zu tun“, erzählt sie. „Zum Bridge-Spielen hatte ich keine Lust und ständig Ausstellungen zu besuchen, ist keine Aufgabe.“

Und eine sinnvolle Aufgabe übernehmen, das war ihr Antrieb, sich beim Projekt Familienpatenschaften zu melden. Als sie das ihrem Sohn erzählte, meinte der: „Oh ja, da könnte manch einer Freude daran haben.“ Er sollte Recht behalten mit seinem spontanen Satz.

Einmal die Woche kommt Marliese Müllem zu Familie Ohlhoff. So war es wohl auch vereinbart – „zwei Stunden in der Woche“, schmunzeln alle Beteiligten. Bei diesem Zeitbudget ist es nicht geblieben, dafür ist Marliese Müllem zu sehr mit Leib und Seele dabei.

Sie entlastet die Familie mit der Erfahrung ihres Lebens, mit ihren Kontakten, ihrem Mitdenken und ihren vielen kleinen Hilfestellungen. Müllem half bei der Jobsuche für den Familienvater, gibt Dagmar Ohlhoff Tipps, nimmt Röcke zum Nähen und Strümpfe zum Stopfen mit, backt auch zu Geburtstagen.

„Sie merkt schneller als ich, wenn ich eine Pause brauche“, berichtet Ohlhoff und ergänzt leise: „Ich weiß nicht, wo ich ohne sie heute mit dem Kind wäre.“ Als Freiberuflerin habe sie erst lernen müssen, Hilfe anzunehmen. „Das kannte ich bisher nicht. Ich hatte immer die Einstellung, das schaffst du alleine. Aber ich lief leer.“ Dagmar Ohlhoff bringt die Leistung der Familienpatin auf den Punkt: „Frau Müllem hat unsere Familie stabilisiert.“

Während des Gesprächs turnt die quirlige Emily herum. Sie hat die Patin in ihr Herz geschlossen, wie überhaupt die Großmutter von fünf Enkeln in den zwei Jahren für die Ohlhoffs zu „Oma Müllem“ geworden ist. Eines ist Dagmar Ohlhoff klar: „Frau Müllem schickt der Himmel.“

Möglichst früh in die Familie,
damit es nicht zur Überlastung kommt

Mit ihren 75 Jahren ist Marliese Müllem die älteste der inzwischen 55 Patinnen und Paten, die sich für Aachener Familien engagieren. Der jüngste ist 24. „Das ist eine muntere Truppe von selbst bewussten Frauen und Männern“, beschreibt Eva-Maria Wagner. Als Mitarbeiterin der ersten Stunde im Projekt hat sie all diese Menschen in die Aufgabe eingeführt, Fortbildungen für sie organisiert, Kontakte hergestellt, Treffen begleitet.

Seit kurzem unterstützt sie dabei Marion Scheins. Die Sozialpädagogin des SkF wird sich insbesondere auf die Arbeit mit Familien konzentrieren, die ganz kleine Kinder haben. „Es ist gut, möglichst früh in die Familien zu gehen, um es dort gar nicht erst zu einer Überlastungssituation kommen zu lassen“, skizziert sie ihr Verständnis der Arbeit.

Die bisherigen Erfahrungen, die Familien wie die Ohlhoffs und Paten wie Marliese Müllem machten, bestätigen diesen Ansatz. „Man unterstützt die Familie insgesamt, es geht nicht allein ums Babysitten“, betonen Wagner und Scheins. Und genau diese verantwortliche Unterstützung der Eltern sei auch das, was die Frauen und Männer wollten, die sich bei ihnen für ein Engagement als Familienpatin oder -paten melden.

Mit der personellen Verstärkung im Projekt verbinden SKM und SkF die Verpflichtung, noch mehr Familien in Aachen zu helfen. Deshalb sprechen sie zurzeit die herzliche Einladung an lebenserfahrene Frauen und Männer aus, sich im Rahmen ihrer persönlichen Interessen und Möglichkeiten als Patin und Pate zu engagieren.

Das im April 2006 gestartete Projekt Familienpatenschaften erfährt als Vorhaben im Aachener Bündnis für Familien große Wertschätzung. Seit Januar 2008 ist es zudem Kooperationspartner im Aachener Netzwerk „Frühe Hilfen“.

Das Projekt begeistert und inspiriert, auch anderenorts: Im September 2007 gewann es den ersten Platz im bundesweiten Ideenwettbewerb „Stark für Familien“ des Deutschen Caritasverbandes.

Hintergrundinfo

Dieses Projektporträt ist ein Beitrag im Rahmen des Projektes "Engagiert am Ort", das ehrenamtliches Engagement in kirchlichen Gemeinden, Verbänden, Einrichtungen und Initiativen durch Information und Inspiration fördern will.

Das Projekt wurde am Tag des Ehrenamts 2008 gestartet und stellt immer wieder Personen, Projekte und Konzepte vor mit der Einladung, sich damit auseinanderzusetzen. Journalistischer Mitarbeiter ist Thomas Hohenschue, Aachen.

Anregungen für weitere Beiträge sind sehr willkommen.


Von Thomas Hohenschue

Unveröffentlicht

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