Engagiert am Ort
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Ein Beitrag im Rahmen des Projekts "Engagiert am Ort"

Das Zuhören zählt

„Grüne Damen“ schenken Patienten des Aachener Klinikums Zeit

Wer ins Aachener Klinikum geht, tut dies in der Regel nicht freiwillig. Anders gelagert ist dies bei den Frauen und Männern, die sich in der Aachener Klinikhilfe engagieren. Woche für Woche betreten sie die grünen Flure des weitläufigen Krankenhauses, um Patienten und Angehörigen beizustehen. Sie leisten das auf zutiefst menschliche Weise: sie sind einfach da und hören zu.

Erkennen kann man die Klinikhelfer an ihren grünen Kitteln. Diese heben sie vom medizinischen und pflegerischen Personal des Universitätsklinikums ab. Und haben ihnen im Volksmund den Titel „Grüne Damen“ eingebracht – ungeachtet der Tatsache, dass sich unter all den gestandenen Frauen auch ein paar Herren unter den Freiwilligen tummeln.

Werktags von 9 bis 12 Uhr sind diese Freiwilligen unterwegs, konkret auf der siebten, achten und neunten Etage des Krankenhauses. Dort befinden sich die Patienten, die stationär behandelt werden. In den anderen Etagen wird untersucht, operiert, verwaltet und gelehrt. Oben, mit teils herrlichem Ausblick, halten sich die Kranken und Sterbenden auf, auch die Leute, die auf eine Diagnose warten, und bei ihnen Partner, Kinder, Freunde.

Das Angebot der Klinikhelfer ist denkbar einfach. Sie kommen in das Zimmer, stellen sich vor und bringen Zeit für ein Gespräch mit. Geht der Patient darauf ein, setzt er selbst die Themen. Die Klinikhelfer halten sich zurück, vor allem mit Ratschlägen aller Art. Sie hören einfach zu. Zuweilen unterstützen sie mit kleinen Hilfen, holen zum Beispiel etwas aus dem Kiosk des Klinikums oder versorgen Bücherwürmer mit Lesestoff aus der eigenen kleinen Bibliothek. Manchmal brauchen Patienten Kleidung, auch diese hält die Klinikhilfe im Büro vorrätig.

Die insgesamt 80 Ehrenamtlichen haben sich die Stationen auf den drei Etagen untereinander aufgeteilt. Jeder kommt verlässlich einmal die Woche für die drei Stunden, an einem festen Werktag, und besucht seine Station. Diese Verbindlichkeit schweißt die Tagesgruppen zusammen, über Jahre und teils Jahrzehnte arbeitet man zusammen und tauscht sich Woche für Woche aus.

Das Lampenfieber bleibt, denn jedes Gespräch verläuft anders

Wer sich den grünen Kittel überzieht, lässt sich jedes Mal auf eine Reise mit Überraschungen ein. Das Lampenfieber vor den Gesprächen, vor jeder einzelnen Begegnung, lässt selbst diejenigen nicht los, die schon seit Anfang an, also seit 25 Jahren, dabei sind. Und das ist nach Einschätzung der „Grünen Damen“ auch gut so, denn Routine kann und darf nicht entstehen, wenn es um die Begegnung und das Gespräch mit schwer erkrankten Menschen und ihre Angehörigen geht.

So schlägt das Herz jedes Mal höher, wenn es ins Zimmer geht, besonders wenn die Tür vorher geschlossen war. Was ist dahinter? Welcher Mensch – ein Mann, eine Frau? Welche Krankheit, welche Symptome, Wunden, Begleiterscheinungen von Behandlungen? Welche Lebensgeschichte erwartet einen, welche familiäre Situation? Und wie fühlt sich der Mensch heute? Sitzt er oder ist er an medizinische Geräte angeschlossen?

All das ist zu erfassen, um den richtigen Einstieg für das Gespräch zu finden. Gut, wenn man dank offener Tür ein paar Sekunden mehr Zeit hat, sich darauf einzustellen. Oft gibt es auch hilfreiche Einschätzungen vom Pflegepersonal, um nicht ganz im kalten Wasser schwimmen zu müssen. Und doch verläuft jedes Gespräch anders, wirklich jedes.

Die Themen setzen die Patienten, es geht nicht nur um die Erkrankung

Was die freiwilligen Klinikhelfer rasch lernen: Nichts von dem, was sie bei ihren Besuchen auf den Stationen erleben, sollten sie persönlich nehmen. Sie treffen auf Menschen mit existenziellen Ängsten, mit akuten Schmerzen, mit leidvollen Beschwerden, mit dem Verlust alter Gewissheiten, Pläne, Zuversicht, auch Menschen in der Erwartung ihres Todes. In dieser Situation können viele nicht so auf das ehrliche Gesprächsangebot eingehen, wie es ein Gesunder tun würde.

So dreht so mancher Patient dem unerwarteten Besuch mit dem grünen Kittel einfach den Rücken zu. Ein anderer will mit jemand „von der Kirche“ nichts zu tun haben. Dritte wiederum nutzen ihren Gast als Blitzableiter für ihre Unzufriedenheit mit dem Essen oder den Wartezeiten bei Untersuchungen. Oft spricht dabei die Verzweiflung über die eigene Erkrankung heraus, haben die Helfer beobachtet.

Wo das Gespräch erfolgreich beginnt, gibt es oft intensiven Austausch, deren Themen der Patient bestimmt. Viele wollen unter dem Siegel der Schweigepflicht ihre Lebensgeschichte erzählen. Andere wollen sich einfach über Hobbys oder schöne Erlebnisse austauschen. Manchem Patienten tut es gut, nicht nur über Krankheiten zu sprechen, denn das muss er ohnehin dauernd tun, mit den Ärzten, mit Pflegekräften, mit den Angehörigen.

Die Ehrenamtlichen bemühen sich, unbelastet von eigenen familiären oder gesundheitlichen Problemen in die Gespräche zu gehen. Noch größer ist allerdings die Herausforderung, so wenig wie möglich von den teils tief unter die Haut gehenden Eindrücken aus den Besuchen mit nach Hause zu nehmen. Denn in den grünen Zimmern des Klinikums erwartet sie alles Leid, das Menschen gesundheitlich ereilen kann.

In regelmäßigen Abständen kommen die Klinikhelfer zusammen, um die Einsätze nachzubesprechen. Das ist für Neue ebenso wichtig wie für die Erfahrenen. Bei akuten Schwierigkeiten sind die Tagesgruppen und die beiden Sprecherinnen, Luise Teriete und Christiane Bendt, direkte Ansprechpartnerinnen. Schlaflose Nächte kann dies nicht immer verhindern – und doch sind die meisten schon seit Jahrzehnten dabei, tief überzeugt vom Sinn ihres Engagements und jedesmal bewegt, wenn es wieder einmal heißt: „Dankeschön, das hat mir gut getan.“

Wie man sich bei der Klinikhilfe engagieren kann

Die Aachener Klinikhilfe besteht seit 25 Jahren. Das Angebot der „Grünen Damen“ und ihrer männlichen Kollegen bleibt ungebrochen wichtig. Es bietet ein vielseitiges Feld für ehrenamtliches Engagement und außerdem ein kollegiales Miteinander in einem verlässlichen Rahmen. Die Tagesgruppen freuen sich über neue Gesichter.

Ansprechpartnerinnen für Frauen und Männer, die sich in der Klinikhilfe engagieren möchten, sind Luise Teriete vom Regionalen Caritasverband, Tel. 0241/8088139, und Christiane Bendt vom Diakonischen Werk, Tel. 0241/ 8088127. Zu erreichen sind sie werktags von 9 bis 10 Uhr.

Bei den ersten Treffen steht das Kennenlernen im Vordergrund. Zunächst geht es um den Austausch über Anforderungen und Erwartungen, dann um das Miteinander in den Tagesgruppen und den konkreten Alltag auf den Stationen. Nach dem Hospitieren entscheidet man sich gemeinsam für das erste Einsatzgebiet.

Hintergrundinfo

Dieses Projektporträt ist ein Beitrag im Rahmen des Projektes "Engagiert am Ort", das ehrenamtliches Engagement in kirchlichen Gemeinden, Verbänden, Einrichtungen und Initiativen durch Information und Inspiration fördern will.

Das Projekt wurde am Tag des Ehrenamts 2008 gestartet und stellt immer wieder Personen, Projekte und Konzepte vor mit der Einladung, sich damit auseinanderzusetzen. Journalistischer Mitarbeiter ist Thomas Hohenschue, Aachen.

Anregungen für weitere Beiträge sind sehr willkommen.


Von Thomas Hohenschue

Unveröffentlicht

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