Engagiert am Ort
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Ein Beitrag im Rahmen des Projekts "Engagiert am Ort"

Das ist gelebte Nachbarschaftshilfe

Allein Erziehende finden "Netzanschluss" im Aachener Westen

Trennen sich Paare, gehen meist nicht nur Lebensentwürfe zu Bruch. Oft verlieren Frauen wie Männer einen großen Teil ihrer bisherigen sozialen Kontakte. Das ist umso schwieriger für die Betroffenen, wenn sie nunmehr alleine Kinder erziehen. Im Aachener Westen gibt es auf diese gesellschaftliche Herausforderung eine kirchliche Antwort – in Form von Nachbarschaftshilfe.

Kathrin Timm weiß aus eigener Anschauung, wie sich eine Trennung anfühlt, bei der man von jetzt auf gleich in die Schublade „allein erziehende Frau“ gesteckt wird. „Man fällt in ein tiefes soziales Loch“, sagt sie. Zu der Trauer um die Trennung kommt häufig die gesellschaftliche Ausgrenzung. Was hat die Mutter von vier Kindern nicht alles für Klischees kennen lernen dürfen: Allein Erziehende wollten nicht arbeiten, vernachlässigten ihre Kinder. Diese seien verhaltensgestört, Außenseiter, schlecht in der Schule.

Bei diversen Institutionen hat Timm zwar Unterstützung gefunden, finanziell und materiell. „Die sind schon für einen da, aber nicht menschlich. Das kann man alles wie ferngesteuert machen“, resümiert sie ihre Erfahrungen. Und es gibt viel zu regeln, wenn eine Trennung das Leben von fünf Personen umschmeißt. „Aber das, was am Wichtigsten ist, gibt es bei diesen Institutionen nicht“, so Timm, „und das gibt es bei ‘Netzanschluss’“.

Der Name drückt schon ganz viel aus von dem, was die Initiative der GdG St. Philipp Neri und der Evangelischen Kirchengemeinde Aachen-West ausmacht. Kathrin Timm hat Anschluss gefunden zu Frauen in ähnlicher Situation. Hier fand sie einen Ort, zum Beispiel bei gemeinsamen Frühstücken, tief durchzuatmen, Gefühle auszusprechen, über den Alltag zu erzählen, Schwierigkeiten zu thematisieren oder auch einfach nette Gesellschaft zu genießen und gemeinsam zu lachen.

Zurzeit sind es 35 allein erziehende Frauen aus dem Viertel, die diesen wohl tuenden Ort wahrnehmen. Sie befinden sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Trennungsgeschichten. Gabi Dern zum Beispiel erzieht ihre drei Kinder schon zehn Jahre lang allein. Sie hat vor vier Jahren Netzanschluss kennen- und schätzengelernt. Gerne schildert sie, wie sie hier Gemeinschaft erlebt, erinnert sich etwa an die zahlreichen gemeinsamen Unternehmungen zurück, an Ausflüge in den Tierpark, an schöne Picknicke.

Ihr hatte Netzanschluss sehr geholfen, als sie in das Viertel gezogen war. Über das Projekt hat sie rasch ganz viele Nachbarn kennengelernt. Denn ans Netz angeschlossen sind über die 30 Frauen hinaus noch zahlreiche ehrenamtlich aktive Menschen aus dem Stadtteil.

Damit entfaltet der Name des Projekts seine ganze Dimension. Es gibt einen Kreis von etwa 60 Ehrenamtlichen, vor allem junge Leute aus der kirchlichen Jugendarbeit, die mit anpacken, wenn es was zu tun gibt – wenn zum Beispiel Haushaltsgeräte kaputt gehen, kleine Hilfen im Haushalt oder auch ein Babysitter benötigt werden, der Kindergeburtstag ansteht, kurz: wenn Not am Mann bzw. der Frau ist.

Damit nicht genug: Weitere 200 Personen lassen sich punktuell ansprechen, wenn Arbeitsstellen oder Wohnungen gesucht werden, Haushaltswaren angeschafft werden müssen. Viele Nachbarn melden sich sogar von sich aus. Auch ein Großteil der allein Erziehenden bringt Erfahrung, Kenntnisse und Fähigkeiten ein, hilft anderen, sich selbst zu helfen, arbeitet im „Café 4 You“ mit, einem neuen Angebot, das Kleiderkammer und sozialen Anschluss miteinander verbindet.
Koordiniert wird das Ganze von Ulrike Overs. In ihrem E-Mail-Verteiler tummeln sich etwa 300 Adressen, die das Netzwerk ausmachen, das sie in als vier Jahren gemeinsam mit Mitstreitern aus katholischer und evangelischer Kirchengemeinde aufgebaut hat. Die Sozialpädagogin, selbst Mutter von vier Kindern, bringt sehr viel Herzblut in das Projekt ein.

„Hier sieht man endlich wieder Licht am Ende des Tunnels“

Overs hat außerordentlich großen Respekt vor dem, was die allein erziehenden Frauen in ihrem Alltag leisten. Diese Wertschätzung springt erfrischend und ansteckend über in jedem Satz, den sie mit ihrem Gesprächspartner wechselt. Sie möchte mit diesem Projekt die nachbarschaftliche Hilfe im Aachener Westen stärken und scheut dabei das Wort „Klüngeln“ überhaupt nicht: „Das heißt für mich, die Möglichkeiten, die man hat, zugunsten Dritter auszunutzen.“

In diesem Sinne kräftig mitzuklüngeln, ist für Christine Kreuzaler eine beglückende Erfahrung. Die agile Frau hat die 60 bereits erreicht und schätzt die neuen Wege, die sie dank Netzanschluss in ihrem Leben gehen kann. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, der Gesellschaft etwas zurück zu geben, der sie ihren Wohlstand verdankt. Die Aufbauarbeit von Ulrike Overs lobt sie, erwähnt die tolle Vernetzung mit sozialen Diensten, pädagogischen Einrichtungen und der Bezirksvertretung. Die große Leistung des Projektes sei es, den Frauen einen würdigen Rahmen zu bieten, der ihr Selbstbewusstsein stärke. Dieses leide häufig genug unter der Situation.

„Ich darf anderen helfen, von anderen lernen, gemeinsam Dinge tun“, skizziert Martina Dolfus ihre Motivation, bei Netzanschluss mitzumachen. Sie unterstützt eine allein Erziehende, die ihren Kleinen nicht alleine lassen wollte, um zu arbeiten. Dolfus nimmt nun schon seit zwei Jahren öfter den Jungen mit nach Hause, auch über Nacht, wenn nötig. Die gegenseitigen Beziehungen sind sehr vertraut und intensiv geworden. Diesen Einsatz erfährt Dolfus nicht als Einbahnstraße.

„Das ist hier ein Geben und Nehmen“, sagt auch Kathrin Timm, und betont noch einmal, wie gut dieses Angebot Frauen in ihrer Situation auffängt. „Da sieht man endlich wieder Licht am Ende des Tunnels.“ Über die solidarische Unterstützung freut sich die allein erziehende Frau sehr, sie sieht hier ein ermutigendes Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs. Es werde zunehmend erkannt: „Eine Trennung kann jeden treffen.“

Hintergrundinfo

Dieses Projektporträt ist ein Beitrag im Rahmen des Projektes "Engagiert am Ort", das ehrenamtliches Engagement in kirchlichen Gemeinden, Verbänden, Einrichtungen und Initiativen durch Information und Inspiration fördern will.

Das Projekt wurde am Tag des Ehrenamts 2008 gestartet und stellt immer wieder Personen, Projekte und Konzepte vor mit der Einladung, sich damit auseinanderzusetzen. Journalistischer Mitarbeiter ist Thomas Hohenschue, Aachen.

Anregungen für weitere Beiträge sind sehr willkommen.


Von Thomas Hohenschue

Unveröffentlicht

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